Dissident Voices at the European Border: Non-State Actors and Visions of a Different Europe Beyond the Fortress

von Larissa Fleischmann, Doktorarbeit

In den vergangen Monaten stehen die europäischen Außengrenzen immer wieder im Fokus der öffentlichen Aufmerksamkeit. Berichte von neuen ‚Tragödien‘ und ‚humanitären Katastrophen‘, die sich vor den Toren Europas im Mittelmeer abspielen, häufen sich in Presse und Medien: nicht selten ertrinken hunderte von Menschen bei ihrem Versuch das europäische Festland in oft fahruntauglichen Booten zu erreichen. Zuletzt rückten auch die Grenzen in Osteuropa in den Mittelpunkt der medialen Berichterstattung. Immer mehr Asylsuchende versuchen über die sogenannte ‚Westbalkanroute‘ in die Europäische Union zu gelangen. Doch statt Schutz zu erhalten, wie es die Genfer Flüchtlingskonvention vorsieht, werden sie von den europäischen Mitgliedsstaaten an der Einreise gehindert oder in ein Nachbarland weitergereicht. In diesem Zusammenhang erfährt die europäische Abschottungspolitik immer stärkeren öffentlichen Druck und wird für das Unglück der Schutzsuchenden verantwortlich gemacht: die Mitgliedsstaaten der Europäischen Union seien unfähig, Solidarität zu zeigen und ihre europäischen Werte umzusetzen.

Vor diesem Hintergrund gewinnt das Thema der Aufnahme, Unterbringung und Integration von Flüchtlingen auch eine immer stärkere Präsenz und Dringlichkeit in der Wahrnehmung der deutschen Bevölkerung. So zeigt sich spätestens seit den Gegenreaktionen auf die Pegida-Proteste zu Beginn des Jahres, dass immer mehr Menschen bereit sind, konkrete Handlungen für Flüchtlinge durchzuführen. So überwog die Zahl der Menschen, die für Flüchtlinge auf die Straße gingen und sich öffentlich gegen asylfeindliche Gruppierungen positionierten, zuletzt bei weitem die Anhänger der Pegida-Bewegung.

Gleichzeitig engagieren sich auch immer mehr Bürger ehrenamtlich in der ‚Flüchlingshilfe‘, indem sie beispielsweise Sprachkurse geben, Patenschaften übernehmen, Flüchtlinge im Alltag oder bei Behördengängen begleiten und gemeinsame Aktivitäten gestalten. In vielen Kleinstädten und Gemeinden haben sich Ehrenamtliche in sogenannten ‚Asylhelferkreisen‘ zusammengefunden, mit dem Ziel eine lokale ‚Willkommenskultur‘ zu gestalten.

Neben dem gestiegenen ehrenamtlichen Engagement für Flüchtlinge gewinnen auch die politischen Protestaktionen für Flüchtlinge an Bedeutung. Sogenannte ‚No-Border‘-Aktivisten, die sich meist politisch links bis links-radikal verorten, protestieren für die Öffnung territorialer Grenzen und die Abschaffung des Nationalstaats. In diesem Zusammenhang werden auch Flüchtlinge selbst zu Aktivisten, die zusammen mit lokalen ‚UnterstützerInnen‘ öffentliche Plätze oder Gebäude besetzen, Protestcamps errichten oder Protestmärsche organisieren, um auf eine wahrgenommene staatliche Repression aufmerksam zu machen. Welche Ausmaße solche Aktionen ausnehmen können, zeigte sich besonders deutlich im Rahmen des umkämpften Protestcamps auf dem Oranienplatz in Berlin, das mehrere Monate von Flüchtlingen besetzt wurde.

Mein Dissertationsprojekt mit dem Arbeitstitel „Kritische Stimmen an der europäischen Grenze: Nicht-staatliche Akteure und Vorstellungen eines anderen Europas jenseits der Festung“ setzt sich das Ziel, die aktuelle Bewegung des Flüchtlingsaktivismus und Flüchtlingsengagements in Deutschland zu untersuchen. Insbesondere interessiert sich das Vorhaben für die vielfältigen Erklärungskontexte in die Handlungen für Flüchtlinge eingebettet werden und damit verbundene Visionen von Europa und seiner Grenze. Zudem fragt es nach den Strukturen, Formen und Auswirkungen der aktuellen Flüchtlingsbewegung in Deutschland.

Den theoretischen Ausgangspunkt für mein Projekt bildet ein de-lokalisiertes Verständnis von ‚Grenze‘: ich untersuche wie sich Vorstellungen von ‚Grenze‘ fernab der kartographischen Grenzlinie manifestieren. Konzepte der Border Studies verknüpfe ich dabei mit sozial- und politikwissenschaftlichen Ansätzen zu Citizenship, Sozialen Bewegungen, Protest und Aktivismus sowie Assemblage-Theorien. Meine Forschungserhebungen in Deutschland stützen sich insbesondere auf qualitative und ethnographische Methoden, wie Interviews und teilnehmende Beobachtungen.