Das Boot ist voll. Flüchtlingsboote als Ikonen illegalisierter Migration von Afrika nach Europa

von Jana Stolz, M.A.

Bilder von Flüchtlingen, denen es gelingt trotz diverser Maßnahmen der Grenzkontrolle und -überwachung nach Europa zu kommen, erreichen uns als Teil der täglichen Berichterstattung über die Printmedien, das Fernsehen und das Internet. Die Flüchtlinge haben oftmals eine lange und gefährliche Reise über das Mittelmeer und die verschiedenen Landwege hinter sich, durchqueren Länder und Wüsten, um vor Krieg und Verfolgung zu fliehen und um sich und ihren Familienangehörigen im sicheren Hafen Europa ein besseres Leben zu ermöglichen. Auf der Passage über das Meer haben in den letzten fünfzehn Jahren Tausende ihr Leben verloren – nicht von ungefähr wird das Mittelmeer auch als Massengrab bezeichnet.

Im europäischen Bildgedächtnis hat sich insbesondere das überfüllte Boot als Ikone illegalisierter Migration von Afrika nach Europa verankert. Immer wiederkehrende Bildtypen zeigen meist übervolle, seeuntüchtige Kähne und Schlauchboote, die überwiegend mit männlichen, aus fremden Ländern stammenden Passagieren beladen sind und fast unterzugehen drohen. Katastrophenmeldungen berichten zudem von Flüchtlingsströmen, -fluten und –wellen, die über die europäischen Mitgliedsstaaten „hereinbrechen“. In Verbindung mit der Metapher „Das Boot ist voll“ aktualisiert sich das Bild zusätzlich im Diskurs um Integration und Einwanderung in den Zielgesellschaften.

Mittels der Ikone des überfüllten Bootes zeigen sich visuelle Konstruktionen des kulturell „Fremden“ sowie Prozesse von Grenzziehungen. Als mächtige Metapher und Heterotopie findet das Boot – beziehungsweise das mit etwas anderen Bedeutungen belegte Schiff – seit der Antike Verwendung, um den idealen Zustand von gemeinschaftlichen Verbänden zu beschreiben oder um gesellschaftliche Missstände zu benennen und zu kritisieren. Passagiere, die dem unberechenbaren Weltenmeer schutzlos ausgeliefert sind, begegnen uns in Théodore Géricaults monumentalem Gemälde Das Floß der Medusa, welches den Schiffbruch einer Wertegemeinschaft auf eindrückliche Weise veranschaulicht. Das Katastrophenbild des albanischen Flüchtlingsschiffes „Vlora“ erlangte Anfang der 1990er Jahre eine enorme Präsenz in den deutschen Medien und dient unter anderem als Beispiel dafür, wie durch die Berichterstattung zusammen mit Bildern von ankommenden anonymen Flüchtlingsmassen ein Bedrohungsszenario erzeugt wird, das sich unmittelbar auf die Gestaltung gesetzliche Regelungen zum Asylrecht auswirkt.

In Folge des Dubliner Übereinkommens haben sich die Möglichkeiten, Asyl zu beantragen und auf legalem Wege in die Europäische Union einzureisen, drastisch verringert. Zugleich erfolgte eine militärisch-technologische Aufrüstung der Grenzen zum Schutz vor Flüchtlingen und die Etablierung eines unsichtbaren Grenzregimes ebenso außerhalb der Grenzräume, sodass Grenzen auch in Zeiten des ungehinderten Flusses von Waren und Kapital kein marginales Phänomen darstellen und zunehmend selbst beweglich werden.

Aufgrund restriktiv ausgelegter Abkommen der europäischen Mitgliedstaaten befinden sich viele Menschen gezwungenermaßen in einem Zustand permanenten Unterwegsseins zwischen Herkunfts-, Transit- und Zielland. Mittels Überwachungssystemen sollen diese Bewegungen dokumentiert werden um abweichendes Verhalten vorauszusagen und so Homogenitätskonzepte biopolitischer Nationen zu untermauern. Das Boot als grenzüberschreitendes Vehikel beinhaltet jedoch auch die Chance, Konzepte politischer Gemeinschaft aufzubrechen und auf der sprachlich-visuellen Ebene umzudeuten. Dies würde bedeuten, auf inferiorisierende Zuschreibungen und Ausgrenzungen von Personengruppen zu verzichten und auf einen gemeinsamen Existenzraum zu rekurrieren, der sich der Wahrung der Menschenrechte verschrieben hat.