Forschung zu Flucht und Katastrophe

Katastrophen sind für uns in Europa in der Regel Ereignisse, die anderswo stattfinden, meist im Zusammenhang mit Erdbeben, Stürmen, Überflutungen etc. Verbreitet ist nach wie vor die Ansicht, dass Katastrophen schicksalhaft über Gesellschaften hereinbrechen. Dabei ist längst klar, dass die allermeisten Opfer vermieden werden könnten. Katastrophen sind im 21. Jh. stets Kulturkatastrophen, sie werfen ein Licht auf die moralisch-ethische Verfasstheit einer Kultur: Menschen sterben, weil Politik Prioritäten auf anderes, denn auf ihren Schutz legte.

Was sich derzeit an den Grenzen Europas und seinen Mitgliedsstaaten abspielt, wirft derart ein besonderes Licht auf Europas moralisch-ethische Verfasstheit. Soziale und ökonomische Ungleichheiten, historische Differenzen, aber auch Diffuse Ängste, die in hohem Maße mit politisch erzeugter sozialer Präkarisierung in den europäischen Gesellschaften korrelieren, spiegeln sich in Migrationspolitiken, denen – bei aller zumindest temporärer Hilfs- und Aufnahmebereitschaft breiter Bevölkerungsteile – weiterhin tagtäglich Menschen zum Opfer fallen und den Überlebenden das ohnehin unermessliche Leid vergrößert. Michel Foucault sagte einst: „Selbstverständlich verstehe ich unter Tötung nicht [nur] den direkten Mord, sondern auch alle Formen des indirekten Mordes: jemanden der Gefahr des Todes ausliefern, für bestimmte Leute das Todesrisiko oder ganz einfach den politischen Tod, die Vertreibung, Abschiebung usw. erhöhen“*.

Kann es angesichts menschlichen Leids abstrakt formulierte „Grenzen der Aufnahmekapazitäten“ (so etwa Joachim Gauck, Thomas Oppermann oder Horst Seehofer) geben? Welches sind die ethischen Maßstäbe, die solche Grenzziehungen legitimieren? Wie reif ist Europa, sich derart grundlegenden Fragen in offener Debatte zu stellen?

Längst befindet sich Europa im Zustand der Katastrophe, einer rein von Menschen gemachten Katastrophe. Das Scheitern an den eigenen (und von anderen eingeforderten), aber doch nur diffusen, nur implizit formulierten normativ-ethischen Ansprüchen ist die eigentliche Katastrophe, die sich in erstickenden oder ertrinkenden Menschen manifestiert. Oder in völlig überfüllten Erstaufnahmelagern: Von höheren Entscheidungsebenen lange weitgehend alleingelassen üben sich Behörden auf kommunaler Ebene in der Improvisation bei der Organisation des Notwendigsten für Zufluchtsuchende, schutzbedürftige Familien, Alte, Kranke, Kinder.** Selbst mit der großen Unterstützung zahlloser ehrenamtlicher Kräfte, die sich zur Kompensation ausbleibender staatlicher Ressourcen moralisch verpflichtet fühlen, sind die lokalen Behörden vielerorts überfordert. Diese Lage lässt Weltbilder – ob links, ob rechts, ob liberal oder konservativ – und gewohnte Ordnungen erodieren. Damit werden Fragen sichtbar, die lange umgestellt blieben, es öffnen sich aber auch „Windows of opportunities“ zur Gestaltung: Welcher Ethik fühlen wir uns verpflichtet? Welche Maßstäbe legen wir unserem Handeln zugrunde? Wie weit sind wir offen dafür, auch langfristige  Folgen unseres Handelns zu bedenken und Verantwortung zu übernehmen? Inwieweit sind wir bereit, Fehler der Vergangenheit zu analysieren, um daraus für zukünftiges Handeln zu lernen?

Die Katastrophenforschungsstelle (KFS) möchte sich an den öffentlichen und wissenschaftlichen Diskursen aus der Perspektive der sozialwissenschaftlichen Katastrophenforschung mit dem Projekt „Fluchtforschung.de. Forschung zu Flucht und Katastrophe“ beteiligen. Sie führt dazu aus eigenem Budget eine Vielzahl an kleineren und größeren Projekten, Vorträgen, Blogeinträgen und Studierendenprojekten durch, die auf dieser Seite dargestellt werden.

Die Konkretion der Migrationsmotive, das Leid der Betroffenen, die Bedingungen der Flucht, die Politik der europäischen EntscheidungsträgerInnen sowie die Bedingungen, unter denen Menschen – nicht nur, aber insbesondere in Deutschland – Obdach und den Weg zu einem menschenwürdigen Alltag suchen sollen darin im Mittelpunkt stehen, um Ursache- und Verantwortungszusammenhänge transparent zu machen. Aber auch die mittel- und langfristigen Folgen, die kaskadierenden Effekte der Fluchtbewegungen – positiv wie negativ – für die Herkunfts- wie für die Aufnahmegesellschaften müssen ohne vereinfachende ideologisch geprägte Vorurteile in den Blick genommen werden, um ein vollständiges Bild zu zeichnen.

Für die Katastrophenforschungsstelle (KFS) steht ein besonderes Interesse in diesen Fragestellungen, das über das Fluchtthema im engeren Sinne hinausgeht: Es sind diese Fragen, die für die sozialwissenschaftlichen Katastrophenforschung im allgemeinen zentral sind: Was sind die sozialen Bedingungen, die Prozesse katastrophal werden lassen und was haben Gesellschaften diesen komplexen Prozessen entgegenzusetzen?

Es werden zudem Doktor- oder Masterarbeiten gesucht, die sich diesem Themenkomplex widmen, um diese zusammenzuführen und einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Besonders erwünscht sind Arbeiten von Menschen mit Migrationserfahrung.

Anmerkung, um Missverständnisse zu vermeiden: Leider stehen keine Mittel zur Verfügung, mit denen wir Arbeiten oder Vorhaben unterstützen könnten. Auch können keine Abschlussarbeiten betreut werden.

* Foucault, Michel (2001): In Verteidigung der Gesellschaft. Suhrkamp, Frankfurt am Main S. 303.

** Folgt man den Gesetzestexten der Bundesländer handelt es sich um eine Katastrophe, wenn eine Lage mit den vor lokalen Kräften nicht mehr bewältigt werden kann.